Keine Auftrittsangst

Das Organisationsstatut der Johannes Brahms Musikschule schreibt als Teil der „Zentralen Unterrichtsgegenstände“ (in anderen Musikschulen „Ergänzungsfach“ genannt) sechs öffentliche solistische Auftritte pro SchülerIn und Schuljahr vor.

Nichts polarisiert so sehr wie die Frage öffentlicher Auftritte von MusikschülerInnen. Warum?

Die Auftritte der SchülerInnen sind die „Visitenkarte“ der LehrerInnen. Ist es da nicht verständlich, wenn im Interesse „optimaler Qualität“ nur die besten Schüler öffentlich auftreten? Sollte ein öffentlicher Auftritt nicht etwas Außergewöhnliches, eine Belohnung für besonders begabte, für besonders fleißige Schüler sein?

Diese Argumente sollte man keinesfalls gering schätzen; dies schon deshalb nicht, da sie sehr oft zitiert werden.

Der Blick auf die Entwicklungspsychologie der Kinder, auf Phänomene wie „Lampenfieber“ oder „negative Auftrittsangst“ weisen jedoch einen anderen Weg.

Zunächst die Definitionen:

Positives Lampenfieber:
Darunter versteht man jene, subjektiv nicht immer angenehmen Gefühle und psychophysischen Zustände vor und während des Auftrittes, die letztlich einen Konzentrations,- Spannungs- und Leistungszuwachs mit sich bringen. Man empfindet den Auftritt hinterher als Erfolg, fühlt sich „positiv erschöpft“ und freut sich auf die nächste Auftrittsmöglichkeit.

Negative Auftrittsangst:
Darunter versteht man jene unangenehmen Gefühle und psychophysischen Zustände (Versagensangst, Zittern, „Fremdfühlen“ des eigenen Körpers, extremes Kälte- und Hitzeempfinden, übermäßige Transpiration), die objektiv Leistungsreduktion bewirken. Der Auftritt wird als Misserfolg erlebt, man möchte künftige Auftritte vermeiden.

Es liegt in der Natur der Sache, dass man erst nach einem Auftritt weiß, ob die „Zustände“ davor nun positives Lampenfieber oder negative Auftrittsangst gewesen sind........

Studien aus mehreren Ländern belegen, dass negative Auftrittsangst nachhaltig dadurch vermieden werden kann, dass Kinder vor dem 10. Lebensjahr gewohnt werden, regelmäßig öffentlich solistisch aufzutreten. Dies war für die Johannes Brahms Musikschule der Anlass, diese Auftritte für alle SchülerInnen verbindlich einzuführen.

Jeder Unterrichtsgegenstand ist nur so gut, wie er in der Praxis gestaltet wird: das schwierige Unterrichtsfach „Auftrittspraktikum“ verlangt sensible LehrerInnen, die ihren eigenen Optimismus (und nicht ihre womöglich vorhandene eigene Angst) auf die SchülerInnen übertragen. Die Auswahl geeigneter Stücke, die die Kinder nicht überfordern (sondern sie eher leicht „unterfordern“) ist besonders entscheidend.

Erfahrungen und Studien zeigen, dass Kinder, die vor dem 10. Lebensjahr auf diese Weise das öffentliche solistische Auftreten als Selbstverständlichkeit erleben, auch später im Erwachsenenalter „positives Lampenfieber“ haben, nicht aber unter „negativer Auftrittsangst“ leiden. Dies bestätigen jene unserer ehemaligen SchülerInnen, die als professionelle MusikerInnen tätig sind. Es ist zu beobachten, dass diese SchülerInnen in anderen klassischen „Angstsituationen“ robuster sind.

Anlässlich dieser Auftritte referieren die Kinder den musikkundlichen Hintergrund der Stücke, die sie vortragen, die so genannte  „werkbezogene Musikkunde“. Diese Vorbereitungsarbeit geschieht teils im Instrumentalunterricht, teils selbstständig zuhause, zumeist am PC. Dies schafft Kompetenz in (angstfreier) verbaler Kommunikation – diese ist heute wichtiger denn je. Wie sagte einer unserer Bürgermeister, als er Zeuge eines Auftrittspraktikums samt Referaten wurde: „Da bekommen wir ja nicht nur guten Musikernachwuchs, sondern auch Politiker, die kompetent sprechen können!“

Es geht nicht um „Angstfreiheit“, sondern um den konstruktiven und positiven Umgang mit Angst: Angst ist ja letztendlich auch ein positiver „Sicherheitsmechanismus“. Der unkontrollierte Umgang mit dem Faktor „Angst“ ist jedoch auch der wichtigste Grund für Aggression. Schon allein deshalb ist es wichtig, Angst als positiv beeinflussbares Moment zu begreifen.

Eine erfreuliche Nebenerscheinung ist der gute und enge Kontakt, der sich über die zahlreichen Auftritte zwischen LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern ergibt – dies macht langatmige (und dürftig besuchte) Elternabende überflüssig. Die Auftritte schaffen positive Öffentlichkeit und steigern die Akzeptanz der Musikschularbeit ganz erheblich.

Der positive Umgang mit dem Faktor „Angst“ ist möglicherweise die nachhaltigste und bedeutendste Leistung, die die Johannes Brahms Musikschule für Ihre SchülerInnen erbringt.

Sind sie neugierig geworden? Dann besuchen sie bitte eines unserer zahlreichen „Auftrittspraktika“! ( Information, Organisationsstatut)